Haltung, Alltag & Saison

Fellwechsel: warum Pferde dabei schlappmachen

Kurz beantwortet

Warum sind Pferde im Fellwechsel so müde?
Weil der Körper ein komplettes Haarkleid neu baut. Das kostet Eiweiß, Spurenelemente und Energie, die dann im Training fehlen. Viele Pferde wirken wochenlang schlapper, schwitzen früher und brauchen länger, bis die Atmung nach der Arbeit wieder runter ist.
Wann beginnt der Fellwechsel beim Pferd?
Den Takt gibt die Tageslänge vor, nicht der erste kalte Morgen. Nach der Sommersonnenwende werden die Tage kürzer, und der Körper stellt auf Winterfell um — sichtbar wird das meist ab Ende August. Ein warmer September verschiebt das kaum.
Was hilft dem Pferd im Fellwechsel?
Weniger arbeiten, aber nicht aussetzen: gleiche Häufigkeit, kürzere und ruhigere Einheiten. Täglich gründlich putzen, damit lose Haare rauskommen. Genug Eiweiß in guter Qualität. Und echte Ruhetage — knapp ist in diesen Wochen die Erholung, nicht der Trainingsreiz.
Wann muss der Tierarzt ran?
Bei Fieber, kahlen Stellen, offenen Scheuerstellen oder Abmagern. Und wenn ein älteres Pferd sein Winterfell im Frühjahr gar nicht oder nur fleckig abwirft: Verzögertes Abhaaren ist das häufigste Anzeichen für Cushing (PPID) und gehört ins Blutbild, nicht in die Physiotherapie.

Es fängt meist nicht mit Haaren an, sondern mit einem Gefühl. Das Pferd geht wie immer, und trotzdem ist etwas zäh. Es kommt später in Gang, es schwitzt früher, und die letzte Viertelstunde der Einheit fühlt sich an, als würdest du schieben. Zwei Wochen später hängen die ersten Büschel im Striegel — und dann ergibt es Sinn.

Der Fellwechsel ist die größte Umbauarbeit im Pferdejahr, und sie läuft im Hintergrund, während alles andere weitergeht. Wer das weiß, wertet die schlappen Wochen richtig ein statt dagegen anzutrainieren.

Was im Fellwechsel eigentlich passiert

Der Auslöser ist Licht, nicht Wetter. Spezielle Rezeptoren im Auge messen die Tageslänge und steuern über das Hormon Prolaktin, wann Haare wachsen und wann sie fallen; Melatonin und Dopamin hemmen dieses Prolaktin im Jahresrhythmus. Nach der Sommersonnenwende werden die Tage kürzer — das Signal steht also schon im Juli, lange vor dem ersten Haar am Ärmel. Temperatur spielt mit hinein, aber sie gibt nicht den Takt vor.

Deshalb bringt ein warmer September wenig durcheinander, und deshalb lässt sich der Fellwechsel auch nicht wegdecken. Wer im Herbst eindeckt, verändert nicht das Signal, sondern nur, wie warm das Pferd unter dem Fell hat, das ohnehin kommt.

Und dieses Fell ist Arbeit. Haar besteht aus Keratin, also aus Eiweiß. Beim Pferd ist dabei selten die Eiweißmenge der Engpass, sondern die Qualität: Lysin ist die erste begrenzende Aminosäure, danach folgen Methionin und Threonin. Ein Heu, das satt macht, liefert also nicht automatisch, was ein neues Haarkleid braucht — und genau das erklärt, warum zwei Pferde am selben Futtertisch den Fellwechsel so unterschiedlich wegstecken.

Woran du merkst, dass es der Fellwechsel ist

Am Fell zuletzt. Die frühen Zeichen stehen in der Leistung und in der Erholung, nicht im Haar — wer auf Büschel wartet, hat die ersten zwei Wochen schon hinter sich. Das ist die eigentliche Erkenntnis dieses Artikels: du siehst es zuerst beim Reiten.

  • Im Aufwärmen fehlt der Schwung, das Pferd kommt spürbar später in Gang
  • Es schwitzt früher als sonst, oft schon im Schritt am langen Zügel
  • Nach der Arbeit dauert es länger, bis die Atmung wieder unten ist
  • Das Fell wirkt matt und stellt sich auf, die Konturen sehen weich aus
  • Beim Putzen kommen Büschel statt einzelner Haare
  • Juckreiz: Scheuern am Zaun, an der Boxenwand, an dir
  • Es steht mehr und döst mehr, auch mitten am Tag
Braunes Pferd döst mit tief gesenktem Kopf allein auf einer Weide, zwei weitere Pferde grasen im Hintergrund
Mehr stehen, mehr dösen, weniger Interesse an der Herde — im Fellwechsel normal, und trotzdem das Zeichen, das am leichtesten übersehen wird.

Was nicht dazugehört: Lahmheit, Fieber, Husten, Abmagern. Der Fellwechsel macht müde. Krank macht er nicht.

Was du selbst tun kannst

Runterdosieren statt aussetzen. Wochenlange Pause kostet Muskulatur, die du danach wieder aufbauen musst — und Muskelabbau macht das Pferd nicht erholter, sondern schwächer. Besser: gleiche Häufigkeit, kürzere und ruhigere Einheiten, längere Schrittphasen, weniger Lektionen mit hoher Last.

  • Täglich putzen, und zwar gründlich. Der Gummistriegel holt lose Haare heraus und regt die Haut an. Zehn ehrliche Minuten bringen mehr als eine halbe Stunde Abstauben.
  • Ruhetage wirklich freilassen. Nicht „nur longieren". Erholung ist in diesen Wochen der knappe Faktor.
  • Freie Bewegung vor Trainingsreizen. Weide und Paddock halten den Kreislauf in Gang, ohne Last aufzubauen.
  • Nach der Arbeit trocken werden lassen. Nasses, dichtes Fell kühlt anders als das kurze Sommerfell im Juli.
  • Beim Futter über Qualität reden, nicht über Dosen. Was dein Pferd konkret braucht, rechnet eine Fütterungsberatung oder dein Tierarzt aus. Pauschale Empfehlungen für Zusatzfutter gehören nicht auf eine Physio-Seite.
Zwei Hände ziehen mit einem Gummistriegel dicke Büschel loser Winterhaare vom Hals eines braunen Pferdes
Büschel statt einzelner Haare — im Gummistriegel wird sichtbar, was sonst nur zu spüren ist. Worauf zu achten ist, trägt der Text; das Bild zeigt die typische Stelle am Hals.

Drei Ratschläge, die wenig bringen

Im Fellwechsel wird viel empfohlen. Diese drei hörst du am häufigsten, und alle drei greifen am Problem vorbei:

  • Scheren. Das nimmt das Fell weg, nicht den Umbau. Der Körper baut weiter, das Pferd hat nur weniger an. Für ein Pferd, das im Winter hart arbeitet und stark schwitzt, kann Scheren richtig sein — gegen die Müdigkeit im Fellwechsel hilft es nicht, und ein geschorenes Pferd braucht danach eine Decke.
  • Kraftfutter aufdrehen. Mehr Energie ist nicht mehr Baumaterial. Ein neues Haarkleid braucht Aminosäuren, und die Ration wird durch eine zusätzliche Schippe Müsli vor allem stärkereicher, nicht besser versorgt. Wenn du am Futter etwas ändern willst, dann an der Eiweißqualität — und das rechnet jemand aus, der die ganze Ration kennt.
  • Ganz aussetzen. Sechs Wochen Pause kosten Muskulatur. Das Pferd ist danach nicht erholt, sondern schwächer, und im Frühjahr beginnt der Aufbau von weiter unten als nötig.

Wann es nicht mehr der Fellwechsel ist

Es gibt Grenzen, an denen Schlappheit aufhört, harmlos zu sein. Bei diesen Zeichen rufst du den Tierarzt, nicht mich:

  • Fieber, Husten oder Nasenausfluss
  • Kahle Stellen, Krusten oder offene Scheuerstellen
  • Das Pferd nimmt ab, obwohl das Futter gleich bleibt
  • Lahmheit, auch leichte, auch nur an einem Tag
  • Die Müdigkeit kommt plötzlich über Nacht statt über Wochen

Und ein Fall, der besonders leicht unter „ist halt der Fellwechsel" verschwindet: das ältere Pferd, das im Frühjahr gar nicht, spät oder nur fleckig abhaart. Zu langes Fell, das nicht rechtzeitig fällt (Hypertrichose), und schlechtes Abhaaren sind die zwei häufigsten Anzeichen für Cushing (PPID) und gelten als so typisch, dass sie den Verdacht allein tragen. Betroffen sind rund 21 % der Pferde und Ponys über 15 Jahre — also deutlich mehr, als man im eigenen Stall vermutet. Ein Blutbild klärt das. Kein Blick aufs Fell, und keine Physiotherapie.

Und wo hilft Physio?

Ehrlich: gegen den Fellwechsel selbst gar nicht. Er ist ein hormongesteuerter Vorgang, und daran hat Physiotherapie nichts zu drehen. Was sie erreicht, liegt daneben — bei dem, was das Pferd in diesen Wochen mit sich macht.

Denn wer wochenlang weniger und vorsichtiger arbeitet, bekommt oft genau das zurück: eine festere Rückenmuskulatur, weniger Beweglichkeit im Hals, ein Pferd, das nach dem Fellwechsel nicht da weitermacht, wo es im August war. Massage, Dehnung und Wärme halten die Muskulatur in diesen Wochen weich, und im Frühjahr steht dann Aufbau an statt Reparatur. Das ist der Bereich Wellness und Entspannung — keine Therapie, sondern eine Stunde, in der dem Pferd nichts abverlangt wird.

Wenn du unsicher bist, ob die Schlappheit deines Pferdes noch ins Bild passt: schreib mir kurz. Ich bin mobil im Raum München unterwegs, das Arbeitsgebiet zeigt, wohin ich fahre.

Quellen

  • Parmantier, S. et al.: Influence of Extended Photoperiod Using Blue Light Masks on Hypertrichosis, Coat Condition and General Health Parameters in Horses with Pituitary Pars Intermedia Dysfunction. Animals 15(19), 2905, 2025 — zur Licht- und Prolaktinsteuerung des Haarkleids sowie zu Häufigkeit und Leitsymptomen von PPID. Abgerufen am 21.08.2026: pmc.ncbi.nlm.nih.gov
  • Watson, O.: Protein in the Horse Diet. Penn State Extension, 30.09.2024 — zu Lysin als erster begrenzender Aminosäure. Abgerufen am 21.08.2026: extension.psu.edu

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