Haltung & AlltagFellwechsel: warum Pferde dabei schlappmachen
Im Fellwechsel wirken viele Pferde müde und kraftlos. Woran du das früh erkennst, was wirklich hilft — und wann hinter verzögertem Abhaaren mehr steckt.
Reha & Seniorpferd
Der erste Frost kommt, und mit ihm ein Satz, den ich in jedem Stall höre: „Im Winter lassen wir sie in Ruhe, sie ist ja auch schon 22." Gemeint ist das gut. Nur passiert im Winter bei einem alten Pferd genau das Gegenteil von Erholung — es wird steif, es baut Muskeln ab, und im März steht dann ein Pferd auf der Weide, das schlechter läuft als im November.
Alter ist keine Krankheit. Aber es ist ein Zustand, in dem der Winter härter zuschlägt: schlechtere Zähne, steifere Gelenke, weniger Muskulatur zum Wärmen. Wer das auseinanderhält, kommt mit einem Seniorpferd gut durch den Winter — und merkt vor allem früher, wenn etwas dazwischenkommt.
Nicht die Kälte ist das Problem, sondern die Nässe. Ein Pferd im Winterfell braucht erst ab etwa minus acht Grad zusätzlich Energie, nur um seine Temperatur zu halten — mit Sommerfell liegt diese Grenze schon bei rund plus vier Grad. Je gut fünf Grad darunter kommen etwa 15 bis 20 % mehr Futter dazu. Entscheidend ist dabei, dass das Pferd trocken bleibt: Nasses, verschlammtes Fell verliert seine isolierende Luftschicht. Ein nasser, windiger Tag um null Grad setzt einem Pferd deshalb mehr zu als eine trockene Frostnacht.
Das zweite ist der Boden. Matsch, gefrorene Trittspuren, rutschige Wege — für ein Pferd mit steifen Gelenken ist jeder Schritt darauf Arbeit, und Arbeit, die es sich spart. Es bewegt sich weniger, stellt sich an den Zaun, wartet. Genau daraus entsteht der Kreis, um den es in diesem Artikel geht: weniger Bewegung macht steifer, und steifer macht noch weniger Bewegung.

Dazu kommt der Zahnstatus, und der wird im Winter erst sichtbar. Im Sommer trägt das Gras, im Winter muss Heu gekaut werden — und das verlangt intakte Backenzähne. In einer tierärztlichen Untersuchung an 200 Pferden ab 15 Jahren fand sich bei 95,4 % ein Zahnbefund — Lücken zwischen den Backenzähnen, ungleicher Abrieb, einzelne Überstände. Ein Pferd, das im Januar plötzlich abnimmt, hat oft kein Fütterungsproblem, sondern ein Kauproblem.
Im Schritt sieht man es nicht. Dieselbe Untersuchung fand bei 18,6 % der Pferde eine Lahmheit im Schritt, im Trab aber bei 50,5 % — fast dreimal so viele. Und 83,5 % hatten in mindestens einem Gelenk eine eingeschränkte Beweglichkeit. Wer sein altes Pferd im Winter nur noch von der Box zur Weide führt, sieht damit fast zwangsläufig ein gesundes Pferd.
Wie groß diese Lücke ist, zeigt der Vergleich derselben Pferde mit dem, was ihre Besitzer angaben: Lahm war die Hälfte, gemeldet hatte es nicht einmal ein Viertel. Bei den Zähnen fanden die Tierärzte 95,4 % Befunde, angegeben hatten sie 24,5 % der Besitzer. Das ist keine Nachlässigkeit — es ist der Effekt, der entsteht, wenn ein Pferd sich über Jahre langsam verändert und man jeden Tag dabei ist.
Worauf es sich zu schauen lohnt, wenn es kalt wird:
Der Blick auf das Gewicht ist im Winter der wichtigste, weil das Winterfell zwei Monate lang verdeckt, was darunter passiert. Und die Rippen zu fühlen kostet zehn Sekunden.
Bewegen, jeden Tag, in kleiner Dosis. Ein Seniorpferd verliert im Winter nicht durch Arbeit, sondern durch Stehen. Zwanzig Minuten Schritt an der Hand auf festem Boden bringen mehr als eine Stunde am Wochenende — und deutlich mehr als eine Winterpause, aus der es im Frühjahr steifer herauskommt als es hineingegangen ist.
Diese drei höre ich jeden Winter, und alle drei kommen aus Rücksicht:
Es gibt Zeichen, an denen Winter und Alter aufhören, eine Erklärung zu sein. Bei diesen rufst du den Tierarzt, nicht mich:
Und ein Fall, der im Winter gern unter „ist halt alt" verschwindet: das alte Pferd, das sein Winterfell im Frühjahr nicht, spät oder nur fleckig abwirft. Verzögertes Abhaaren ist eines der häufigsten Anzeichen für Cushing (PPID) und gehört ins Blutbild — mehr dazu steht im Beitrag über den Fellwechsel beim Pferd.
Nicht gegen das Alter — dagegen hilft nichts. Aber gegen das, was der Winter aus dem Alter macht: Muskulatur, die durch Schonung fest wird, Gelenke, die weniger geführt werden, eine Rückenlinie, die einsinkt, weil die Tragkraft fehlt. Das ist der Bereich Mobility und Rehabilitation — Beweglichkeit erhalten, solange sie da ist, statt sie im Frühjahr zurückholen zu müssen.

Der zweite Teil ist ehrlicherweise die Beratung: welche Bewegung diesen Winter realistisch ist, in welcher Dosis, auf welchem Boden — und woran du merkst, dass es zu viel war. Das entscheidet sich am Pferd und nicht an einer Faustregel.
Wenn du unsicher bist, ob dein Pferd noch altersgemäß läuft oder schon schont: schreib mir kurz. Ich bin mobil im Raum München unterwegs, das Arbeitsgebiet zeigt, wohin ich fahre.
Über 100+ Newsletterabonnenten
Folge mir per Newsletter und erhalte hilfreiche Tipps und Zusatzwissen.