Reha & Seniorpferd

Das Seniorpferd im Winter: Bewegung statt Schonung

Kurz beantwortet

Braucht ein altes Pferd im Winter mehr Ruhe?
Meist weniger, als gut gemeint ist. Alte Gelenke werden im Stehen steif, nicht in Bewegung. Was ein Seniorpferd im Winter braucht, ist täglich Bewegung in kleiner Dosis und ein deutlich längeres Aufwärmen — nicht eine Pause bis zum Frühjahr.
Ab wann ist Kälte für ein Seniorpferd ein Problem?
Trockene Kälte selten. Mit Winterfell liegt die Grenze, ab der ein Pferd zusätzlich Energie fürs Warmhalten braucht, bei rund minus acht Grad. Kritisch wird die Kombination aus Nässe und Wind: durchnässtes Fell isoliert kaum noch.
Woran erkenne ich, dass mein altes Pferd Schmerzen hat?
Nicht am Schritt. In einer Untersuchung an 200 Pferden ab 15 Jahren waren im Schritt 18,6 % lahm, im Trab 50,5 % — also fast dreimal so viele. Wer sein Pferd nur beim Führen sieht, hält vieles für Alter, was Schmerz ist.
Wann muss der Tierarzt ran?
Wenn das Pferd trotz gleicher Fütterung abnimmt, wenn eine Lahmheit plötzlich auftritt oder deutlich zunimmt, wenn es beim Fressen Heu ausspuckt — und wenn ein altes Pferd sein Winterfell im Frühjahr nicht rechtzeitig abwirft.

Der erste Frost kommt, und mit ihm ein Satz, den ich in jedem Stall höre: „Im Winter lassen wir sie in Ruhe, sie ist ja auch schon 22." Gemeint ist das gut. Nur passiert im Winter bei einem alten Pferd genau das Gegenteil von Erholung — es wird steif, es baut Muskeln ab, und im März steht dann ein Pferd auf der Weide, das schlechter läuft als im November.

Alter ist keine Krankheit. Aber es ist ein Zustand, in dem der Winter härter zuschlägt: schlechtere Zähne, steifere Gelenke, weniger Muskulatur zum Wärmen. Wer das auseinanderhält, kommt mit einem Seniorpferd gut durch den Winter — und merkt vor allem früher, wenn etwas dazwischenkommt.

Was der Winter mit einem Seniorpferd macht

Nicht die Kälte ist das Problem, sondern die Nässe. Ein Pferd im Winterfell braucht erst ab etwa minus acht Grad zusätzlich Energie, nur um seine Temperatur zu halten — mit Sommerfell liegt diese Grenze schon bei rund plus vier Grad. Je gut fünf Grad darunter kommen etwa 15 bis 20 % mehr Futter dazu. Entscheidend ist dabei, dass das Pferd trocken bleibt: Nasses, verschlammtes Fell verliert seine isolierende Luftschicht. Ein nasser, windiger Tag um null Grad setzt einem Pferd deshalb mehr zu als eine trockene Frostnacht.

Das zweite ist der Boden. Matsch, gefrorene Trittspuren, rutschige Wege — für ein Pferd mit steifen Gelenken ist jeder Schritt darauf Arbeit, und Arbeit, die es sich spart. Es bewegt sich weniger, stellt sich an den Zaun, wartet. Genau daraus entsteht der Kreis, um den es in diesem Artikel geht: weniger Bewegung macht steifer, und steifer macht noch weniger Bewegung.

Altes Pferd im dichten Winterfell geht im Schritt über einen tief aufgeweichten Matschweg am Rand einer Weide
Aufgeweichter, gefrorener Boden kostet ein altes Pferd mehr als eine Trainingseinheit. Worauf beim Gang zu achten ist, trägt der Text — das Bild zeigt die typische Situation im November.

Dazu kommt der Zahnstatus, und der wird im Winter erst sichtbar. Im Sommer trägt das Gras, im Winter muss Heu gekaut werden — und das verlangt intakte Backenzähne. In einer tierärztlichen Untersuchung an 200 Pferden ab 15 Jahren fand sich bei 95,4 % ein Zahnbefund — Lücken zwischen den Backenzähnen, ungleicher Abrieb, einzelne Überstände. Ein Pferd, das im Januar plötzlich abnimmt, hat oft kein Fütterungsproblem, sondern ein Kauproblem.

Was Alter ist und was Schmerz — und warum das kaum jemand sieht

Im Schritt sieht man es nicht. Dieselbe Untersuchung fand bei 18,6 % der Pferde eine Lahmheit im Schritt, im Trab aber bei 50,5 % — fast dreimal so viele. Und 83,5 % hatten in mindestens einem Gelenk eine eingeschränkte Beweglichkeit. Wer sein altes Pferd im Winter nur noch von der Box zur Weide führt, sieht damit fast zwangsläufig ein gesundes Pferd.

Wie groß diese Lücke ist, zeigt der Vergleich derselben Pferde mit dem, was ihre Besitzer angaben: Lahm war die Hälfte, gemeldet hatte es nicht einmal ein Viertel. Bei den Zähnen fanden die Tierärzte 95,4 % Befunde, angegeben hatten sie 24,5 % der Besitzer. Das ist keine Nachlässigkeit — es ist der Effekt, der entsteht, wenn ein Pferd sich über Jahre langsam verändert und man jeden Tag dabei ist.

Worauf es sich zu schauen lohnt, wenn es kalt wird:

  • Das Aufstehen: Braucht es zwei Ansätze? Bleibt es nach dem Liegen länger stehen, bevor es losgeht?
  • Die ersten Meter nach dem Stehen — und wie viele Meter es braucht, bis der Gang gleichmäßig wird
  • Der Trab auf der Weide: Trabt es überhaupt noch von allein an, und wie sieht es dabei aus?
  • Wie es steht: eine Hinterhand entlastet, ein Bein vorgestellt
  • Der Platz in der Herde. Wer weiter weg steht als früher, kommt oft schlechter weg — beim Heu und beim Unterstand
  • Das Gewicht unter dem dichten Fell: mit der Hand über Rippen und Kruppe, nicht mit dem Auge

Der Blick auf das Gewicht ist im Winter der wichtigste, weil das Winterfell zwei Monate lang verdeckt, was darunter passiert. Und die Rippen zu fühlen kostet zehn Sekunden.

Was du selbst tun kannst

Bewegen, jeden Tag, in kleiner Dosis. Ein Seniorpferd verliert im Winter nicht durch Arbeit, sondern durch Stehen. Zwanzig Minuten Schritt an der Hand auf festem Boden bringen mehr als eine Stunde am Wochenende — und deutlich mehr als eine Winterpause, aus der es im Frühjahr steifer herauskommt als es hineingegangen ist.

  • Doppelt so lange aufwärmen wie früher. Was mit sieben Jahren zehn Minuten Schritt waren, sind jetzt zwanzig. Das ist der wirksamste einzelne Punkt auf dieser Liste.
  • Festen Boden suchen. Ein geräumter Weg, die Halle, die befestigte Hofeinfahrt. Auf tiefem Matsch bringt Bewegung wenig und kostet viel.
  • Trocken vor warm. Unterstand, Windschutz und ein trockener Liegeplatz wiegen schwerer als eine dicke Decke. Wenn eingedeckt wird, dann atmungsaktiv und täglich kontrolliert — eine nasse Decke ist schlechter als keine.
  • Heu rund um die Uhr, notfalls in anderer Form. Kauen wärmt von innen. Wenn die Zähne nicht mehr mitkommen, gibt es Alternativen zum Langheu; welche und in welcher Menge, rechnet eine Fütterungsberatung oder dein Tierarzt aus.
  • Hufe im Takt bearbeiten lassen, auch im Winter. Bei einem Pferd, das Gelenke schont, verändert sich der Abrieb — und lange Intervalle verstärken genau die Fehlbelastung, die ohnehin schon da ist.
  • Zähne kontrollieren lassen, bevor das Heu die Hauptmahlzeit wird. Also im Oktober, nicht im Februar.

Drei gut gemeinte Fehler

Diese drei höre ich jeden Winter, und alle drei kommen aus Rücksicht:

  • „Wir machen bis Frühjahr Pause." Vier Monate Pause kosten ein altes Pferd Muskulatur, die es zum Tragen braucht. Der Rücken sinkt ein, die Gelenke werden schlechter geführt, und der Aufbau im April beginnt tiefer als nötig.
  • „Sie ist alt, sie darf steif sein." Steif nach dem Aufstehen und nach fünf Minuten wieder gleichmäßig — das passt zum Alter. Steif bleiben, lahm gehen, immer dasselbe Bein entlasten passt nicht. Das ist ein Befund, und der gehört angeschaut.
  • „Die Decke löst das." Eine Decke hält Wärme, sie macht kein Gelenk beweglicher und keinen Zahn ganz. Sie hilft dem Pferd, dem Fell und Muskulatur fehlen — sie ersetzt keinen Unterstand, kein Heu und keine Bewegung.

Wann der Tierarzt ran muss

Es gibt Zeichen, an denen Winter und Alter aufhören, eine Erklärung zu sein. Bei diesen rufst du den Tierarzt, nicht mich:

  • Das Pferd nimmt ab, obwohl Futter und Menge gleich bleiben
  • Eine Lahmheit tritt plötzlich auf, nimmt zu oder bleibt über Tage gleich stark
  • Es spuckt beim Fressen Heuröllchen aus, frisst langsamer oder legt Pausen ein
  • Es kommt beim Aufstehen nicht mehr allein hoch
  • Fieber, Husten, veränderte Atmung
  • Warme, dicke Beine oder ein Huf, der deutlich wärmer ist als die anderen

Und ein Fall, der im Winter gern unter „ist halt alt" verschwindet: das alte Pferd, das sein Winterfell im Frühjahr nicht, spät oder nur fleckig abwirft. Verzögertes Abhaaren ist eines der häufigsten Anzeichen für Cushing (PPID) und gehört ins Blutbild — mehr dazu steht im Beitrag über den Fellwechsel beim Pferd.

Und wo hilft Physio?

Nicht gegen das Alter — dagegen hilft nichts. Aber gegen das, was der Winter aus dem Alter macht: Muskulatur, die durch Schonung fest wird, Gelenke, die weniger geführt werden, eine Rückenlinie, die einsinkt, weil die Tragkraft fehlt. Das ist der Bereich Mobility und Rehabilitation — Beweglichkeit erhalten, solange sie da ist, statt sie im Frühjahr zurückholen zu müssen.

Zwei Hände liegen flach auf Kruppe und Oberschenkel eines alten Pferdes im dichten Winterfell
Die Hinterhand zeigt bei alten Pferden zuerst, was Schonung anrichtet. Das Bild zeigt die typische Stelle über Kruppe und Oberschenkel; was dort zu spüren ist, beschreibt der Text.

Der zweite Teil ist ehrlicherweise die Beratung: welche Bewegung diesen Winter realistisch ist, in welcher Dosis, auf welchem Boden — und woran du merkst, dass es zu viel war. Das entscheidet sich am Pferd und nicht an einer Faustregel.

Wenn du unsicher bist, ob dein Pferd noch altersgemäß läuft oder schon schont: schreib mir kurz. Ich bin mobil im Raum München unterwegs, das Arbeitsgebiet zeigt, wohin ich fahre.

Quellen

  • Ireland, J. L. et al.: Disease prevalence in geriatric horses in the United Kingdom: veterinary clinical assessment of 200 cases. Equine Veterinary Journal 44(1), 101–106, 2012 — zu Lahmheit in Schritt und Trab, eingeschränkter Gelenkbeweglichkeit und Zahnbefunden bei Pferden ab 15 Jahren. Abgerufen am 28.08.2026: beva.onlinelibrary.wiley.com
  • Ireland, J. L. et al.: Comparison of owner-reported health problems with veterinary assessment of geriatric horses in the United Kingdom. Equine Veterinary Journal 44(1), 94–100, 2012 — zum Unterschied zwischen Befund und Besitzerwahrnehmung bei Lahmheit und Zähnen. Abgerufen am 28.08.2026: pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
  • Hoopes, K. H.: Caring for Horses in Cold Weather. Utah State University Extension, Januar 2018 — zur unteren kritischen Temperatur mit Sommer- und Winterfell, zum Mehrbedarf an Futter darunter und zum Vorrang von Trockenheit vor Wärme. Abgerufen am 28.08.2026: extension.usu.edu

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